Strasse der Knochen

Meine letzten zwei Wochen in Jakutien, waren furchtbar streng. Viel Sushi, viel Winke-Winke. Damit mir mein Abschied noch etwas schwerer faellt, habe ich in der letzten Woche noch einen Kurz-Trip nach Kandygha unternommen. Das Doerflein Kandygha liegt etwa 800 km nord-oestlich von Jakutsk am Fluss Aldan und ist Ausgangspunkt der beruechtigten „Knochen-Strasse“.

Im vollen Taxi geht es am Montagabend (viel zu spaet) los.

Eine Waschmaschinen-Reise: Soviel Platz wie in einer Waschtrommel und ein 18-stuendiger Schleudergang.

Auch wenn Komfort und Reisezeit horror sind, so ist auch diese Taxifahrt eine tolle ethnografische Gemeinschaftserfahrung. Die Mitreisendenen steigen wortkarg in die Waschmaschine hinzu, doch kaum ist der Vorwasch-Gang zu Ende, schaeumt die Zwecksgemeinschaft zu einer kleine Familie ueber. Fruechte werden ausgetauscht, Alkohol wird ausgeschenkt und dazu viel gequatscht und gelacht.

Meinen ersten Nachmittag in Kandyga verbringe ich mit zwei Kommunikations-Ingenieuren aus Vladisvostok, welche nun schon seit 10 Tagen auf den Kran warten, welcher die Satelliten-Schuessel auf den Turm hieven soll. Zwei etwas gelangweilte Berufskollegen, welche ich jedoch um ihr Einsatz-Gebiet (alles zwischen Vladivostock und Nordpool) beneide…

Am Abend holt mich Ivan mit dem schweren Gelaendewagen ab. Er arbeitet hier irgendwo auf der Verwaltung, waehrend seine Frau und seine Kinder in Jakutsk leben. Er hat mir versprochen die Berge zu zeigen. Gemeinsam mit seinen drei Kollegen, dem ehemaligen Wrestler Sergei und dem Sport-Lehrer Mischa, sowie einer Kiste Bier rasen wir auf der Knochen-Strasse in Richtung Berge und Magadan.

Die Strasse der Knochen benennt das Schicksal ihrer Erbauer. Sie wurde in den 50er Jahre von GULAG-Haeftlingen gebaut, von welchen viele ihr Leben verloren und so gleich unter der Strasse begraben wurden.

… viele liessen hier ihre Jugend, ihre Gesundheit oder gar ihr Leben…

Man geht davon aus, dass in den nord-ost-sibirischen GULAGS meherere Millionen Haeftlinge gestorben sind. Die ca. zwei tausend Kilometer Strasse, zur Erschliessung der GULAG-Bergwerke, wurden von Hand, mit einfachstem Werkzeug gebaut.

Wir erreichen einen Aussichtspunkt in den Bergen. Der Blick auf die Strasse, welche sich hier durch die bewaldeten Berge schlaengelt ist wunderbar und bedrueckend. „Ja, Baeren gibt’s hier!“, meint Ivan: „Letztes Jahr wurde der Wachmann unserer kommunalen Muellhalde von einem Baeren getoetet! Hier gehst du ohne Gewehr nicht pinkeln oder fischen.“

Mit dem vielen Bier erfahre ich mehr ueber das Leben hier an der Knochen-Strasse. So gilt etwa Mischa als der Super-Vater unter uns Maennern: Er hat bereits neuen Kinder und seine jetzige (dritte) Frau liegt zuhause in den Wehen. Bin beeindruckt.

Der Abend geht rauschend zu Ende. Am naechsten Morgen besuche ich Ivan (damit er meine Fotos kontrollieren kann?) im Buero. Mischas Frau, so erfahre ich, hat am fruehen morgen einen Sohn zur Welt gebracht. Mischa ueberlegt sich, den Buben Maurus zu taufen…. na toll.

http://www.longwayround.com: Ewan McGregor’s Trip auf der Kolyma-Strasse

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